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Das Paradox der Macht: Warum Führung das zerstört, was sie möglich gemacht hat

von Diana Resch

Stellen Sie sich vor, jemand steigt in einer Organisation auf, weil er gut zuhört, weil er andere stärkt, weil er spürt, was ein Team braucht. Und stellen Sie sich vor, dass genau diese Fähigkeiten mit zunehmender Machtposition schwinden. Nicht weil er nachlässiger wird. Nicht weil er sich verändert. Sondern weil Macht das menschliche Gehirn auf eine Weise beeinflusst, die kaum jemand auf dem Weg nach oben einkalkuliert.

Der Sozialpsychologe Dacher Keltner von der UC Berkeley hat diesem Phänomen jahrzehntelange Forschung gewidmet. Sein Befund ist unbequem und präzise zugleich: Macht ist ein Paradox. Sie wird gewonnen durch soziale Kompetenz und verloren durch den Besitz derselben.

Wie Macht wirklich entsteht

Das gängige Bild von Macht ist machiavellisch: Wer sich durchsetzt, wer strategisch agiert, wer andere überspielt, steigt auf. Keltners Daten widersprechen dem deutlich. In Gruppen, Teams und Organisationen gewinnen langfristig die Menschen an Einfluss, die andere stärken, die zuhören, die Kooperation ermöglichen und soziale Verbindung herstellen.

Macht entsteht mehrheitlich durch soziale Kompetenz, nicht durch Dominanz. Das ist Keltners erste, eher beruhigende Erkenntnis.

Die zweite ist weniger beruhigend.

Was Macht mit dem Gehirn macht

Macht aktiviert das Verhaltens-Annäherungssystem im Gehirn. Sie macht Menschen handlungsorientierter, selbstsicherer, risikofreudiger. Anfangs ist das funktional. Gleichzeitig deaktiviert sie das soziale Aufmerksamkeitssystem. Mächtige Menschen nehmen weniger wahr, was um sie herum passiert. Sie lesen Gesichter schlechter. Sie unterschätzen den Schmerz anderer. Sie sind weniger präzise darin, die Emotionen ihres Gegenübers zu erkennen.

Der Neurowissenschaftler Sukhvinder Obhi hat das bildgebend belegt. Er maß die Aktivität der Spiegelneuronen, jenes neuronalen Mechanismus, der uns erlaubt, die Erfahrungen anderer innerlich nachzuvollziehen. Bei Menschen in Machtpositionen war diese Aktivität messbar geringer als bei Menschen ohne. Macht wirkt neurologisch wie ein Anästhetikum für Empathie.

Das bedeutet aber nicht, dass mächtige Menschen grundsätzlich kein Mitgefühl mehr empfinden können. Sie können es, wenn sie sich bewusst darauf konzentrieren. Was verloren geht, ist der Automatismus: Empathie passiert nicht mehr von selbst, sie muss aktiv abgerufen werden.

Das Cookie-Monster-Experiment

Keltner hat das in einem schlichten, aber eindrücklichen Experiment sichtbar gemacht. Versuchspersonen wurden in Dreiergruppen eingeteilt und bekamen eine gemeinsame Aufgabe. Per Zufall wurde eine Person als Leiter bestimmt. Nach einer Weile stellte jemand einen Teller mit vier Keksen in den Raum, einen für jede Person und einen übrig.

Fast immer war es die zufällig bestimmte Leitungsperson, die den letzten Keks einfach nahm. Ohne zu fragen. Ohne zu überlegen. Und auffällig enthemmt: laut kauend, Krümel auf dem Tisch hinterlassend, also mit einem Verhalten, das man in Gesellschaft normalerweise vermeidet.

Der Kern des Experiments ist einfach: Die Leitungsperson hat die anderen nicht gefragt. Die Rolle erzeugte automatisch das Gefühl, Anspruch zu haben, ohne dass das eine bewusste Entscheidung war. Und dieser Anspruch zeigte sich nicht nur darin, was sie nahm, sondern auch darin, wie sie es tat: ohne die soziale Rücksicht, die in Gruppen normalerweise üblich ist.

Keltners Schlussfolgerung ist dabei präzise: Das Experiment belegt Enthemmung. Die innere Bremse, die uns normalerweise an soziale Normen erinnert, wird durch Macht schwächer. Das ergänzt, was Obhi neurobiologisch zeigt: Macht reduziert nicht nur die Fähigkeit, andere automatisch zu spüren. Sie sorgt gleichzeitig für soziale Enthemmung. Beides zusammen ergibt das vollständige Bild.

Die schleichende Entkoppelung

Was über Jahre passiert, ist gefährlicher als der einzelne Keks. Es ist eine schleichende Entkoppelung vom sozialen Kontext.

Führungskräfte in langen Machtperioden beginnen, die Welt zunehmend durch die eigene Perspektive zu filtern. Gleichzeitig passen sich die Menschen um sie herum an: Mitarbeiter lernen, was willkommen ist und was nicht. Wer schlechte Nachrichten gebracht und dafür Gegenwind erfahren hat, bringt sie seltener. Wer gesehen hat, dass Zustimmung belohnt wird, stimmt häufiger zu. Das Ergebnis: Die Führungskraft bekommt ein immer gefiltertes Bild der Realität, ohne es zu merken.

Das Perfide daran ist die Rückkoppelung. Die Fähigkeit zur Selbstkorrektur setzt voraus, dass man das Feedback der Umgebung wahrnimmt. Genau das erodiert durch Macht. Wer mächtig genug ist, hört nicht mehr, was nicht gesagt werden darf. Und wer nicht mehr hört, was gesagt werden müsste, hat keine Grundlage mehr zur Korrektur.

Trifft das Paradox der Macht alle gleich?

Hier liegt Keltners wichtigste Nuance. Macht schwächt soziale Sensibilität bei allen. Aber wie stark, hängt vom Ausgangspunkt ab. Wer bereits vor der Machtposition wenig Rücksicht auf andere nahm, wenig zuhörte, wenig spürte, bei dem fällt der Verlust drastischer aus. Wer mit echter Empathie und dem Bewusstsein für diesen Mechanismus in eine Führungsrolle kommt, kann gegensteuern. Aber es braucht aktive Arbeit, weil der Mechanismus unterhalb der bewussten Wahrnehmung wirkt.

Das erklärt eine Beobachtung, die viele aus Organisationen kennen: Führungskräfte, die einmal außergewöhnlich gut darin waren, Menschen zu verstehen, verlieren diesen Zugang mit der Zeit. Nicht durch Nachlässigkeit. Sondern durch einen Mechanismus, den niemand auf der Karriereleiter einkalkuliert hat.

Was das für Führungskräfte bedeutet

Das Wissen um das Paradox ist der erste Schutz dagegen. Wer versteht, dass Macht die Wahrnehmung verändert, kann aktiv gegensteuern.

Feedback suchen, das man normalerweise nicht bekommt. Die Informationen, die Führungskräfte über offizielle Kanäle erreichen, sind gefiltert. Was Mitarbeiter wirklich denken, kommt selten unverfälscht an. Wer das weiß, sucht aktiv nach Wegen, die diesen Filter umgehen.

Menschen im Umfeld, die nicht schweigen. Das ist strukturell das Wichtigste. Wer sich ausschließlich mit Menschen umgibt, die zustimmen, hat keinen Schutz mehr. Kritische Stimmen in der Nähe sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind ein Korrektiv gegen das, was Macht automatisch produziert.

Institutionelle Strukturen, die sichtbar machen. Individuelle Tugend reicht nicht aus, wenn das System keine Rückmeldung erzwingt. Regelmäßige Feedbackprozesse, anonyme Befragungen, strukturierte Perspektivwechsel: Sie sind keine HR-Maßnahmen. Sie sind Schutzarchitektur gegen einen neurobiologischen Mechanismus.

Keltners Paradox verändert die Frage, die man Führungskräften stellen sollte. Nicht: Ist diese Person gut genug, um Macht zu verdienen? Sondern: Hat diese Person die Strukturen um sich, die sie daran erinnern, wer sie war, bevor sie Macht hatte?

 

Quelle: Keltner, D. (2016). The Power Paradox: How We Gain and Lose Influence. Penguin Press.

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